Schülerstreich als Extended Reality App.

Neue Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte.

Schüler der Jacobsonschule Seesen am Harz hecken einen Streich aus, der die Schule auf der ganzen Welt bekannt machen soll: Die OPERATION LEGENDÄR. Ihr Abenteuer führt sie quer durch die Schule über das Dach der Synagoge in die Höhle des Löwen, das Haus des Direktors!

Im Stil einer interaktiven Graphic Novel wird mithilfe modernster Technologie ein wichtiger Aspekt der deutsch-jüdischen Geschichte wiederentdeckt. Der Reformer und Rabbiner Israel Jacobson gründete in der kleinen Stadt Seesen eine bedeutende Reformschule für jüdische und christliche Schüler und die erste Reformsynagoge der Welt; ein Ursprungsort des modernen Judentums. Doch bisher ist die Bedeutung dieser „jüdischen Renaissance von welthistorischem Ausmaß“ (Heinrich Graetz, jüd. Historiker) nahezu unbekannt. Das will ein Projekt des Israel Jacobson Netzwerks ändern. Durch die Anwendung von Extended Reality wird diese Geschichte in neuer Form per App auf dem Smartphone oder Tablet auf spielerische Weise erlebbar - nicht nur für Kinder und Jugendliche!

Die nächste Generation erreichen
Dr. Jörg Munzel, Projektleiter und Vorstand des IJN, führt aus: „Wir möchten eine neue Perspektive auf die deutsch-jüdische Geschichte öffnen und die nächste Generation mitnehmen. Gerade für jüngere Menschen sind digitale Zugänge unabdingbar. Sie sind über traditionelle Angebote kaum noch zu erreichen. Durch unsere App wird ein neues Format moderner Wissensvermittlung entwickelt. Dabei interagieren reale und digitale Welt, reale und digitale Personen in neuer Weise miteinander. Das kann und soll auch großen Spaß machen. Die App OPERATION LEGENDÄR kann ab sofort für Nutzer kostenlos über alle Appstores auf das eigene Smartphone oder Tablet abgerufen werden.

Die App OPERATION LEGENDÄR, die heute von den Experten des Israel Jacobson Netzwerkes in der Landesvertretung Niedersachsen in Berlin präsentiert wurde, ist ein Pilotprojekt im Rahmen des Festjahres 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Bewusst wurden neue Wege gewählt, um Stereotypen von Juden in Deutschland aufzubrechen. Ein Team von Judaisten und Historikern des IJN gewährleistet die fachliche Genauigkeit der transportierten Inhalte. Eva Lezzi, die bekannte jüdische Kinderbuchautorin, beriet bei der kindergerechten Formulierung des Textes.

Dr. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung und einer der Förderer des Projekts, erörtert: „Jüdisches Leben bekannter zu machen und dabei insbesondere junge Menschen zu erreichen – das ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Jahre. Denn die junge Generation wird unsere gemeinsame Zukunft gestalten, weiß in großen Teilen jedoch nur wenig über jüdischen Alltag, jüdische Religion und Kultur. Dieses Unwissen ist ein Nährboden für Ressentiments, es macht empfänglich für Vorurteile und Verschwörungstheorien. Das Projekt zur virtuellen Rekonstruktion des Jacobstempels spricht mit seinem innovativen Vermittlungskonzept ganz gezielt junge Menschen an und bietet ihnen die Möglichkeit, sich nicht nur eigenständig ein wichtiges Kapitel der jüdischen Geschichte zu erschließen, sondern auch die Ideen des modernen Judentums kennenzulernen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie die vom Projektteam des Israel Jacobson Netzwerks entwickelte App sich in der Praxis bewähren wird und davon überzeugt, dass viele Menschen dieses tolle Angebot nutzen werden, sich mit jüdischer Geschichte und Gegenwart zu beschäftigen.“

Ein Spiel, das lehrt
Im Projekt dient die Technologie der Geschichte. Authentizität gewährleisten Originalquellen. „Die Digital Natives sind in ihrem Umgang mit Inhalten stark erlebnisorientiert. Sie wollen Teil der Geschichte sein, indem sie ihre Vorstellungen mit einbringen und sie weitererzählen können. Das Wundervolle daran ist, dass dies durch intrinsische Motivation geschieht: Die Auseinandersetzung mit Inhalten ist dabei auf einem ganz neuen Level an Intensität und Nachhaltigkeit.“, sagt Bernard Bettenhäuser, XR-Spezialist und Creative Director des Projekts.

Geschichte nahbar machen
Die bauliche Keimzelle des Reformjudentums – der Jacobstempel in Seesen – wurde von den Nationalsozialisten in der Pogromnacht 1938 unwiederbringlich zerstört. Die ebenfalls mitten in der Seesener Innenstadt liegende Jacobsonschule ist nur noch teilweise erhalten. Die digitale Anwendung hilft, zerstörte Geschichte zum Leben zu erwecken und setzt einen Impuls, die Orte persönlich entdecken zu wollen. Das Pilotprojekt wird mit Mitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung in Hinblick auf die kulturtouristische Bedeutung gefördert. „Für das Wirtschaftsministerium steht hier die Digitalisierung von touristischen Produkten im Mittelpunkt. Für uns ist es interessant zu erproben, ob es gelingen kann, physisch nicht (mehr) vorhandene touristische Orte mit Hilfe der XR-Technologie zu inszenieren – in diesem Fall anhand der Stadt Seesen und ihrer Synagoge. Des Weiteren ist es von ganz besonderem Landesinteresse zu erfahren, inwieweit es mittels der zielgerichteten Kombination der neuen Technologien gelingen kann, insbesondere die jüngeren Zielgruppen für ein inhaltlich eher schwer zugängliches Thema zu begeistern, dieses entsprechend zu transportieren und schließlich touristisch zu nutzen“, erklärt Dr. Berend Lindner, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung.

Das elektronische Presse Kit zur Pressemitteilung finden Sie hier: https://ijn-presse.de/

»Erinnerung Aufpolieren«

Regionaler Putztag von Stolpersteinen im November 2020

Sichtbare Zeichen der Erinnerung gegen Antisemitismus und gegen Menschenhass zu setzen, ist in Zeiten der Corona-Pandemie notwendig. Der erste regionale Putztag von Stolpersteinen zwischen Harz und Heide fand trotz aller Widrigkeiten 2020 statt. Die Namen und Schicksale der Menschen, die von den Nationalsozialist/innen zu Opfern gemacht wurden, sollen nicht vergessen werden. In den Tagen um den 9. November 2020 haben Jung und Alt, Gruppen und Einzelpersonen Stolpersteine geputzt. Biografien wurden verlesen, Schülerinnen und Schüler haben Videobeiträge erstellt, Fotografien wurden gemacht, Interviews geführt.

Pläne für eine zentrale Veranstaltung, in der die lokalen Initiativen in der Region und deren Gäste sich hätten treffen können, mussten aufgegeben werden. Doch die beeindruckenden Ergebnisse der Akteur/innen vor Ort werden ab dem 15. November um 15 Uhr auf dem YouTube-Kanal des IJN für jedermann im Sinne des Mottos »Erinnerung Aufpolieren« sichtbar werden.

Arbeitskreis Stolpersteininitiativen zwischen Harz und Heide

Im Sommer 2019 haben sich Vertreter/innen mehrerer Stolpersteininitiativen in der Region zwischen Harz und Heide zu einem Arbeitskreis unter dem Dach des IJN zusammengefunden. Zweck des Arbeitskreises sind die Vernetzung, der Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Projekte, die einen regionalen Ansatz verfolgen.

Stolpersteine zwischen Harz und Heide

In der Region zwischen Harz und Heide wurden in Erinnerung an die Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus bisher an neun Orten mehr als 500 Stolpersteine verlegt: in Braunschweig, Helmstedt, Königslutter, Liebenburg, Peine, Schöningen, Schöppenstedt, Seesen und in Wolfenbüttel. Zudem finden sich in der Region zwei Stolperschwellen. Vor dem Altgebäude der TU Braunschweig liegt eine Stolperschwelle, die der mehr als 50 Angehörigen der damaligen Technischen Hochschule (die heutige Technische Universität Braunschweig) gedenkt, die in der NS-Zeit gedemütigt und verfolgt wurden. In Seesen findet sich in Erinnerung an die Schüler/innen der Jacobsonschule am Jacobsonplatz eine zweite Stolperschwelle. In Braunschweig und Wolfenbüttel ist die Verlegearbeit und die damit einhergehende Biografierecherche noch nicht abgeschlossen. Die zeitnahe Verlegung von Stolpersteinen in Goslar ist geplant.

Doch die Stolpersteine sind nicht nur dezentrale Erinnerungsorte im öffentlichen Raum. Gleichzeitig wurden die Biografien der Menschen, an die in dieser Form erinnert wird, umfangreich recherchiert und veröffentlicht. Mancherorts, so in Braunschweig und in Wolfenbüttel, ist diese Recherche noch nicht abgeschlossen und es werden weiterhin Stolpersteine verlegt und Biografien erarbeitet. Andernorts wurden die Steinverlegungen bereits zu einem Abschluss gebracht und die örtlichen Initiativen konzentrieren sich auf das Fortsetzen der aktiven Erinnerungsarbeit, zumeist unter bewusster Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen.

Das Projekt Stolpersteine

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt seit 1996 Stolpersteine in Deutschland und mittlerweile in vielen Ländern Europas. Das Kunstprojekt mit seinen 75.000 Stolpersteinen gilt als das größte dezentrale und stetig wachsende Denkmal der Welt.

Neue Perspektiven auf die deutsch-jüdische Geschichte.

Auftakt zum großen Extended Reality-Projekt in Seesen.

Der Kulturraum zwischen Harz und Heide besitzt als Wiege der jüdischen Modernisierung und des Reformjudentums ein Erbe von besonderer Qualität. Das Liberale Judentum ist die weltweit größte jüdische Strömung der Gegenwart. Doch leider ist diese Bedeutung in Deutschland bislang nahezu unbekannt. Dies soll ein Projekt des Israel Jacobson Netzwerkes auf innovative Weise ändern. Mithilfe einer Kombination von crossmedialer Inszenierung (sog. Extended Reality), Gamification, Storytelling und Social Media soll der Jacobstempel in Seesen, als erste Reformsynagoge der Welt, zusammen mit der Jacobson Schule, einer frühen jüdischen Reformschule,  rekonstruiert werden. Für die Nutzer werden damit die Geschehnisse von damals im Heute in ganz neuer Form, auf geradezu spielerische Weise erlebbar.

Dr. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung und einer der Förderer des Projektes, erörtert: „Mit der virtuellen Rekonstruktion des Jakobstempels macht das Projektteam des Israel Jacobson Netzwerks eine ganz wichtige Facette jüdischer Geschichte sichtbar und durch ein innovatives Vermittlungskonzept auch für junge Menschen attraktiv. Diesen Aspekt halte ich für besonders relevant, denn die junge Generation wird die Zukunft des deutsch-jüdischen Lebens gestalten. Sie einzubinden und an das deutsch-jüdische Leben heranzuführen, ist eine wichtige Aufgabe, der Sie sich angenommen haben. Ich bin mir sicher, dass es Ihnen gelingen wird, bei vielen Menschen aller Altersgruppen Interesse für die facettenreiche, spannende Geschichte deutsch-jüdischen Lebens und die Ideen des Reformjudentums wecken.“

Geschichte nahbar machen
Die Herausforderung ist, dass die bauliche Keimzelle des Reformjudentums – der Jacobstempel in Seesen – von den Nationalsozialisten in der Pogromnacht 1938 unwiederbringlich zerstört wurde. Die ebenfalls mitten in der Seesener Innenstadt liegende Jacobsonschule, in deren Innenhof sich die Reformsynagoge befand, ist nur noch teilweise erhalten. Die digitale Anwendung soll helfen, zerstörte Geschichte zum Leben zu erwecken und einen Impuls setzen, die Orte persönlich entdecken zu wollen. Dr. Jörg Munzel, Projektleiter und Vorstand des IJN, führt aus: „Gerade für jüngere Menschen sind digitale Zugänge Teil ihrer Lebenswirklichkeit geworden. Sie sind über klassische Angebote kaum noch zu erreichen. Durch unser Pilotprojekt soll ein neues Format moderner Wissensvermittlung entwickelt werden, dass es so noch nicht gibt. Dabei interagieren reale und digitale Welt, reale und digitale Personen in vorher nie gekannten Weisen miteinander. Das kann und soll auch großen Spaß machen. Die Anwendung, die im Februar 2021 launchen wird, kann als App kostenlos für Nutzer überall auf der Welt wie auch für Besucher vor Ort über das eigene Smartphone oder Tablet abgerufen werden.“

Ein Spiel, das lehrt
Im Projekt dient die Technologie der Geschichte. Virtuelle Personen aus der Zeit führen die Besucher auf erzählerische Weise durch das bauliche Ensemble und vermitteln gleichzeitig die Bedeutung von Jacobsons Wirken. Authentizität gewährleisten Originalquellen. Der Gamification-Ansatz fördert dabei beim Nutzer die Lust auf das Entdecken, er folgt in der App keiner linearen Erzählstruktur. Jeder entwickelt seine eigene Variante der Geschichte. „Die Digital Natives sind in ihrem Umgang mit Inhalten stark erlebnisorientiert. Sie wollen Teil der Geschichte sein, indem sie ihre Vorstellungen mit einbringen und sie weitererzählen können. Das wundervolle daran ist, dass dies durch intrinsische Motivation geschieht: Die Auseinandersetzung mit Inhalten ist dabei auf einem ganz neuen Level an Intensität und Nachhaltigkeit.“, sagt Bernard Bettenhäuser, Creative Director und XR-Spezialist des Projekts.

Das anspruchsvolle Projekt ist ein neuer Baustein der Wissensvermittlung jüdischer Geschichte in der Gegenwart und auch Zukunft. Ein interdisziplinäres Team von Judaisten, Bauhistorikern und Historikern des IJN erarbeitet und gewährleistet die Wissenschaftlichkeit der transportierten Inhalte. Das Pilotprojekt wird auch mit Mitteln des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung in Hinblick auf die kulturtouristische Bedeutung gefördert. „Für das Wirtschaftsministerium steht hier die Digitalisierung von touristischen Produkten im Mittelpunkt. Für uns ist es interessant zu erproben, ob es gelingen kann, physisch nicht (mehr) vorhandene touristische Orte mit Hilfe der XR-Technologie zu inszenieren – in diesem Fall anhand der Stadt Seesen und ihrer Synagoge. Des Weiteren ist es von ganz besonderem Landesinteresse zu erfahren, inwieweit es mittels der zielgerichteten Kombination der neuen Technologien gelingen kann, insbesondere die jüngeren Zielgruppen für ein inhaltlich eher schwer zugängliches Thema zu begeistern, dieses entsprechend zu transportieren und schließlich touristisch zu nutzen“, erklärt Dr. Berend Lindner, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung.

Max Jüdel und anderes in der Region – Jüdische Kulturtage starten am 6. September

Veranstaltungen zur jüdischen Kultur und Geschichte in der ganzen Region

Am kommenden Sonntag ist es soweit, um 10 Uhr beginnen die ersten Jüdischen Kulturtage zwischen Harz und Heide mit einer Eröffnungsveranstaltung im Internet. Nach der Begrüßung durch Ulrich Knufinke, Präsident des Israel Jacobson Netzwerks für jüdische Kultur und Geschichte e.V., und Grußworten von Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth und Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Schirmherr der Veranstaltungen, wird Frank Ehrhardt vom Arbeitskreis Andere Geschichte e.V./Gedenkstätte Schillstraße eine Einführung zur Person und zum Wirken von Max Jüdel geben. Die Stadt Braunschweig ist mit Max Jüdel in diesem Jahr Gastgeber und Partner der Kulturtage. Der vor 175 Jahren in Braunschweig geborene Jüdel steht als diesjährige Persönlichkeit für jüdische Unternehmer und Mäzenaten, wie es sie an vielen Orten der Region gab – in Gifhorn war es die Familie Menke, die seit dem 18. Jahrhundert in der Stadt lebte, im Holzhandel aktiv war aber auch in der Politik und bei der Gründung des Historischen Museums sowie des Museums- und Heimatvereins aktiv war. Weil der inzwischen in Hamburg lebende Alexander Menke 1880 dem Schützenverein für seinen Ball Kisten Orangen schickte, heißt der Ball bis heute Apfelsinenball. In Halberstadt hat die Unternehmerfamilie Hirsch, deren Kupfer- und Messingwerke AG im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem marktführenden Unternehmen im Metallhandel aufstieg und schließlich nach Berlin verlagert wurde, zur Entwicklung der jüdischen Gemeinde und der Stadt beigetragen.

Am 6. September, der gleichzeitig „Europäischer Tag der jüdischen Kultur“ ist, finden gleich mehrere Veranstaltungen in der Region statt: Die Stadt Goslar bietet um 10:00, 12:30 und 15:00 Uhr einen Stadtrundgang zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Goslar mit Besuch des seit 400 Jahren bestehenden jüdischen Friedhofs an. Um 14:00 Uhr kann das jüdische Halberstadt in einem Rundgang erkundet werden. Ausstellungen können in Celle, Goslar und Braunschweig besichtigt werden – im Mönchehaus Goslar findet um 11:30 Uhr eine Führung durch die Ausstellung des jüdischen Künstlers Alexander Iskin statt. Am Abend singt und erzählt Rabbiner Walter Rotschild ab 19:00 Uhr im Goslarer Trollmönch. Wer sich vom eigenen Sofa aus mit den Initiatoren der Jüdischen Kulturtage austauschen möchte, kann dies am Abend um 19:00 Uhr im Online-Gesprächskreis „Lassen Sie uns reden!“ tun. Hierzu und zu den meisten anderen Veranstaltungen sind Anmeldungen erforderlich, Näheres ist auf der Webseite des IJN unter www.ij-n.de zu finden.

Das vielfältige Programm mit über 40 Veranstaltungen in allen Teilen der Region verspricht einen spannenden und anregenden September.

Jüdische Kulturtage zwischen Harz und Heide

Veranstaltungen zur jüdischen Kultur und Geschichte in der ganzen Region.

Der 6. September 2020 ist „Europäischer Tag der jüdischen Kultur“, und in diesem Jahr bildet er in unserer Region den Auftakt zu den „Jüdischen Kulturtagen zwischen Harz und Heide“, die das Israel Jacobson Netzwerk für jüdische Kultur und Geschichte e.V. (IJN) erstmalig organisiert. Gemeinsam mit zahlreichen Veranstaltern und in Kooperation mit der Stadt Braunschweig hat das IJN trotz der in diesem Jahr erschwerten Bedingungen ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das mehr als 30 Veranstaltungen in Braunschweig, Celle, Gifhorn, Goslar, Halberstadt, Helmstedt, Peine, Salzgitter, Seesen und Wolfenbüttel, aber auch im Internet umfasst. Schirmherr der Jüdischen Kulturtage zwischen Harz und Heide ist Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen K.d.ö.R.

Die Jüdischen Kulturtage zwischen Harz und Heide werden von nun an jedes Jahr im September in unserer Region stattfinden. Hier ist eine Besonderheit, dass jedes Jahr ein anderer Ort als Gastgeber einlädt und eine andere historische Persönlichkeit aus der jüdischen Geschichte der Region im Mittelpunkt der Veranstaltungen steht. In diesem Jahr ist dies der Braunschweiger Industrielle und Mäzen Max Jüdel (1845-1910), an den wir anlässlich seines 175. Geburtstags erinnern wollen. Jüdel hat die Industriegeschichte um 1900 maßgeblich mitgestaltet. Mit seinem Teilhaber Heinrich Büssing gründete er 1873 die „Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co.“, die später mit Siemens und Halske fusionierte. Dass Siemens die jüdischen Kulturtage großzügig unterstützt, zeigt, dass man sich im Unternehmen dieser Anfänge bis heute bewusst ist. Max Jüdel engagierte sich in vielfältiger Weise für alle Braunschweiger Bürgerinnen und Bürger – als Abgeordneter im Braunschweigischen Landtag, durch die Gründung der Braunschweiger Baugenossenschaft, der Braunschweiger Karneval-Gesellschaft von 1872 und vieles mehr.

Die Jüdischen Kulturtage legen einen besonderen Schwerpunkt auch auf den Dialog mit der heutigen jüdischen Gemeinschaft. So bieten beispielsweise eine analoge und eine digitale Veranstaltung mit Meet a Jew, ein Projekt des Zentralrats der Juden, oder ein Abend mit Gesang und Gespräch in Goslar mit Rabbiner Walter Rothschild die Möglichkeit zum direkten Austausch. Es wird also nicht nur um Jüdel bei den Jüdischen Kulturtagen gehen: Stadtrundgänge auf jüdischen Spuren in Halberstadt, Helmstedt, Goslar und Peine, geführte Besuche jüdischer Friedhöfe in Braunschweig und Gifhorn stehen ebenso auf dem Programm wie Ausstellungen in Braunschweig oder Celle, Vorträge, Lesungen, Konzerte und Filmvorführungen. Aufgrund der besonderen Herausforderungen in Corona-Zeiten laufen einige Veranstaltungen, so auch die Eröffnung, online. Die mehr als 20 Veranstalter hoffen aber, dass die geplanten Rundgänge und Führungen sowie Lesungen, etc. vor Ort stattfinden können.

Eine Übersicht über das Programm finden Sie jetzt schon auf der Webseite des Israel Jacobson Netzwerks (www.ij-n.de). Hier können Sie demnächst auch das Programmheft herunterladen. Eventuell nötige coronabedingte Änderungen werden dort ebenfalls angekündigt.

Kulturtouristisches Potential in der IJN-Region

(v.l.) Noa Lerner, Renate Wagner-Redding, PD Dr. Ulrich Knufinke, Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, Dr. Jörg Munzel

Heute fand in den Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde Braunschweig, die uns freundlicherweise von der Vorsitzenden Renate Wagner-Redding zur Verfügung gestellt wurden, unsere Presskonferenz zum Thema „Potentialanalyse der touristischen Vermarktung der jüdischen Kultur und Geschichte im Kulturraum zwischen Harz und Heide“ statt. Trotz durch Corona erschwerter Bedingungen war die Veranstaltung gut besucht.

Nachfolgend die offizielle Pressemitteilung:

 

 

 

 

Das Ursprungsland des modernen Judentums. Ein neues Reiseziel zwischen Harz und Heide.

Vorstellung kulturtouristische Potentialstudie und touristischer Produkte.

 

Der Kulturraum zwischen Harz und Heide besitzt als Wiege der jüdischen Modernisierung und des Reformjudentums ein Erbe von besonderer Qualität. Das liberale Judentum ist die weltweit größte jüdische Strömung der Gegenwart. Diese Bedeutung ist in Deutschland bislang nahezu unbekannt.

In einer wissenschaftlich fundierten Potenzialanalyse hat die Arbeitsgemeinschaft Europäisches Tourismus Institut & Ostfalia Hochschule gemeinsam mit den Experten des Israel Jacobson Netzwerkes aufgezeigt, inwieweit dieses wertvolle jüdische Erbe sichtbar und für Einheimische und Touristen, für Juden wie Nichtjuden zugänglich gemacht werden kann.

Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack, der Leiter der Studie, betont: „Die Region besitzt als Ursprungsland der jüdischen Modernisierung ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal. Über die vielen authentischen jüdischen Orte, Objekte und Persönlichkeiten aus über 1000 Jahren gemeinsamer Geschichte besteht das Potential, ein weltweit einzigartiges, kulturtouristisches Produkt zu schaffen. Neben tollen Orten und Landschaften bietet sich hier die Möglichkeit, die heute so wichtigen Werte wie das Streben nach Gleichberechtigung, Toleranz und religiösem Frieden anschaulich zu machen. Dies stärkt die touristische Attraktivität der gesamten Region nachhaltig.“

„Die Region ist äußerst interessant für unsere jüdischen wie nichtjüdischen Kunden aus aller Welt. Sie ist die Wiege der religiös-kulturellen Prägung von Millionen Juden.“ so Noa Lerner, Inhaberin von Milk & Honey Discover Jewish Europe, dem Marktführer für jüdisches Reisen in Deutschland und Europa. „Bereits in der Vergangenheit hatten wir Anfragen aus den USA und Israel nach den hiesigen Stätten der jüdischen Reform. Wir konnten sie aber aufgrund fehlender Angebote vor Ort nicht erfüllen. Wir rechnen nach Corona zusätzlich mit einer verstärkten Orientierung zu Reisezielen außerhalb der großen Städte. Hier gibt es Neues zu entdecken aber auch ein wichtiges Gefühl persönlicher Sicherheit.“

Viele der jüdischen Orte sind derzeit touristisch nicht erschlossen. Eine große Herausforderung, für die in der Studie eine innovative Lösung gefunden wurde. Hierzu Prof. Quack: „Wir empfehlen eine kombinierte Strategie aus Digitaltechnologien und historischen Originalen. So kann z.B. durch die visuellen Möglichkeiten der sogenannten Extended Reality Verlorengegangenes auf verblüffende Weise wieder dargestellt und über Storytellingansätze neu erzählt werden.“ Dr. Jörg Munzel, Vorstand des Israel Jacobson Netzwerks, ergänzt: „Diese neue Form der kulturtouristischen Inwertsetzung und Inszenierung ist doppelt intelligent. Sie ist hochattraktiv, insbesondere für jüngere Zielgruppen, die ohne digitale Angebote nicht mehr erreicht werden können, und zudem gegenüber baulichen Maßnahmen viel preiswerter. Auf diese Weise verbinden wir die beiden großen Narrative der Region Braunschweig-Wolfsburg, die der Technologieregion und die der Kulturregion.“

Die Studie weist aus, dass sich durch die Modernisierung der Angebote zahlreiche monetäre wie nicht-monetäre Effekte für die Region ergeben. Dazu Prof. Quack: „Durch Investitionen in ausgewählte Orte und die touristische Infrastruktur können konservativ gerechnet regionalwirtschaftliche Effekte in Höhe von bis zu 8,1 Mio. Euro Bruttoumsatz pro Jahr erzielt werden. Mit weiteren Marketinginvestitionen besteht die Möglichkeit, dieses Potenzial auf 15,7 Mio. Euro nahezu zu verdoppeln.  Neben den wirtschaftlichen Effekten ist aber vor allem die Stärkung der weichen Standortfaktoren wie Regionalimage und kulturelle Identität von besonderer Bedeutung.“ Auf Grund der positiven Entwicklungen des Inlandstourismus sei davon auszugehen, dass durch überregionales Marketing die Ankunfts- und Übernachtungszahlen deutlich gesteigert werden können, sodass die gesamte Tourismuswirtschaft in der Region profitiere.

Interessierte Besucher und Tagesausflügler müssen aber nicht erst auf zukünftige Entwicklungen warten, sondern können durch neue Angebote des Israel Jacobson Netzwerkes sofort loslegen. Dr. Munzel ergänzt: „Über 50 jüdische Orte von geschichtlicher Bedeutung sind jetzt schon in der Region zu entdecken. Das Israel Jacobson Netzwerke hat eine kostenlose Bildkarte neu aufgelegt sowie online und interaktiv auf der IJN-Homepage platziert. Dort finden sich weitergehende Informationen, eine Bestellmöglichkeit sowie einen integrierten Routenplaner.“ Zudem existiert ein kulturtouristischer MERIANGuide des IJN.

Renate Wagner-Redding, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig betont einen wichtigen übergeordneten Aspekt: „Über das Projekt bekommt man eine neue Perspektive auf deutschjüdisches Leben, indem es die Orte und Personen wie Israel Jacobson oder Leopold Zunz, welche die deutsche Judenheit vor der Shoa prägten, wieder bekannt macht. Das schafft den heute in Deutschland lebenden Juden, die zu einem überwiegenden Anteil aus den GUS-Ländern eingewandert sind, einen positiven Identifikationsort. Das Vorhaben gibt Juden wie Nichtjuden Verständnis für die Vielfalt der gesamten fast 1700-jährigen gemeinsamen Geschichte.“ Besonders vor dem Hintergrund des erneut aufflammenden Antisemitismus seien die Werte des modernen Judentums und Israel Jacobsons von enormer Bedeutung und heute relevanter denn je. Frau Wagner-Redding schließt: „Das Projekt rechnet sich doppelt: Als touristische Regionalentwicklung wie als Vermittlung jüdischer Geschichte für Gegenwart und Zukunft.“